31.12.2012

IN EIN NEUES JAHR

Für viele gehört Bonhoeffers Lied »Von guten Mächten« beinahe so sehr zu Silvester und Neujahr wie »Stille Nacht« zu Weihnachten. Und es ist ein Lied, das die Konfessionen verbindet, da es sich sowohl im Evangelischen Gesangbuch (EG) als auch im Gotteslob (GL) findet. Grund genug, es hier zu posten und allen neuen Lesern einen guten Rutsch und Gottes reichen Segen für das Jahr des Glaubens 2013 zu wünschen! 
 


„Jesus Christus ist derselbe gestern, heute und in Ewigkeit.“ (Heb 13,8)


ATHEISMUS? NEIN DANKE!

Esther Maria Magnis, Autorin des Buches Gott braucht Dich nicht - Eine Bekehrung, erklärt in einem Beitrag für den DLF, warum sie keine Atheistin mehr sein will und kann. Wenn sie sich jetzt noch in Esther Maria Magis umbenennen würde, wären die Jesuiten und Ignatianer bestimmt sehr glücklich. Aber auch so äußerst hörenswert:    


VD: TheoBlog


30.12.2012

TO KNOW HIM



























"You cannot know God – but you have to 
  know Him to know that." 

   (Fr. Thomas Hopko)


FÜR MARGOT

Die Lutherbotschafterin Margot Käßmann, die man quasi analog zum schwarzen Papst der Jesuiten als grüne Ratsvorsitzende der EKD bezeichnen könnte, hat sich ja jüngst wieder mit der wenig sachkundigen Forderung hervorgetan, der Papst solle, möglichst pünktlich zum Reformationsjubiläum 2017, dem Martin aus Eisleben seine Exkommunikation aufheben. Überhaupt macht man derzeit so allerlei Gewese ums Jubiläum: Es gibt kleine Lutherstatuen für die evangelischen Gemeinden, der Reformationstag 2017 soll zum gesamtdeutschen Feiertag erhoben werden, ein neuer Lutherbaum wurde gepflanzt und, man höre und staune, ein Luther-Wallfahrtsweg soll angelegt werden.

Wer nun aber meint, die ganze Aufregung sei neu, der irrt. Schon immer wurden die Reformationsjubiläen instrumentalisiert. Luther war wahlweise Apostel der Aufklärung, Wegbereiter der Reichsidee, deutschnationaler Kronzeuge wider die bösen Juden oder, wie eben heute, Bringer individueller Freiheiten und Urvater des demokratischen Pluralismus. Was Luther selbst davon hält, werden wir wohl erst erfahren, wenn er in Rom erscheint, um die Aufhebung seiner Exkommunikation entgegen zu nehmen. Kleiner Scherz. Aber neben den zahlreichen Instrumentalisierern aus den verschiedensten politischen Lagern und theologischen Schulen gab es natürlich auch immer schon diejenigen, die das ganze Theater durchschaut haben. Die Worte, die Dietrich Bonhoeffer 1932 in seiner Predigt zum Reformationstag fand, sollte sich auch die gegenwärtige Lutherbotschafterin Margot Käßmann an den Badezimmerspiegel heften: 

"Nein, wir haben keine Zeit mehr zu solchen feierlichen Kirchenfesten, in denen wir uns vor uns selbst darstellen, wir wollen nicht mehr so Reformation feiern! Laßt dem toten Luther endlich seine Ruhe und hört das Evangelium, lest seine Bibel, hört das Wort Gottes selbst. Gott wird uns am Jüngsten Tage gewiß nicht fragen: Habt ihr repräsentative Reformationsfeste gefeiert?, sondern: Habt ihr mein Wort gehört und bewahrt? Lassen wir es uns darum sagen: Aber ich habe wider dich, daß du die erste Liebe lässest."

29.12.2012

ÜBER OFFENBARUNG

So mancher hält ihn für den evangelischen Kirchenvater des 20. Jh.: Karl Barth. Hier spricht der von mir sehr geschätzte und auch im katholischen Bereich oft rezipierte Theologe über Offenbarung, das Reden Gottes in der Welt und unser Vermögen bzw. Unvermögen, Ihn zu hören: 


KONFESSIONELLE MISSVERSTÄNDNISSE: HEILIGENVEREHRUNG

Erst kürzlich wurde ich wieder Zeuge einer jener Konversationen, in deren Verlauf der katholischen Gesprächspartei der Vorwurf gemacht wurde, Katholiken würden die Heiligen anbeten und damit klar gegen biblische Gebote verstoßen. Es ist dies ein Vorwurf, der auf einem krassen Missverständnis beruht, der sich aber nichtsdestotrotz in evangelischen und evangelikalen Kreisen hartnäckig hält. Merkwürdigerweise scheinen es oft Ex-Katholiken und Konvertiten zu sein, die durch ihr Zeugnis zur Verfestigung des Klischees beitragen. Es braucht, denke ich, nicht eigens erwähnt zu werden, dass die Vorstellung, die andere konfessionelle Seite betreibe permanenten Götzendienst, dem ökumenischen Dialog nicht gerade förderlich ist. Es ist also wünschenswert, dass auch der evangelische Christ diesbezüglich über die Motive und Sichtweisen seiner katholischen Brüder und Schwestern Bescheid weiß.

Deshalb hier nun die 6 häufigsten Vorwurf-Varianten – und warum sie aus katholischer (und letztlich auch aus evangelischer!) Sicht nicht treffen:

1. „Katholiken beten die Heiligen an und betreiben Götzendienst!“ Hier gilt: Stimmt die Prämisse nicht, sieht es meist auch mit der Konklusion schlecht aus. Auch Katholiken lesen die Bibel; und ja, auch katholische Bibeln enthalten den Dekalog mitsamt Gebot numero uno: „Du sollst neben mir keine anderen Götter haben“ (Ex 20, 3). Folgerichtig weist auch der Katechismus der katholischen Kirche darauf hin, dass es Götzendienst ist, „wenn der Mensch anstelle Gottes etwas Geschaffenes ehrt und verehrt“ (KKK 2113). Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Formulierung ‚anstelle Gottes‘. Die katholische Theologie unterscheidet nämlich seit alters her zwischen der Verehrung (doulia, veneratio), die den Heiligen erwiesen werden kann und soll, und der Verehrung bzw. Anbetung (latria, adoratio), die allein dem dreieinigen Gott gebührt. Die Heiligen, die ja auch Geschöpfe sind, sind also keine Götter neben Gott, sondern begnadete Christenmenschen, die sich Gott in ihrem irdischen Leben auf besonders vorbildliche Art und Weise zur Verfügung gestellt haben. Nicht mehr und nicht weniger. Wie sagte schließlich schon der hl. Ignatius von Loyola: "Die meisten Menschen ahnen nicht, was Gott aus ihnen machen könnte, wenn sie sich ihm nur zur Verfügung stellen würden."

2. „Katholiken suchen ihr Heil bei den Heiligen und nicht bei Christus, dem Erlöser!“ Das ist ein Vorwurf, den bereits der evangelisch-reformierte Heidelberger Katechismus (1563) erhebt: „Glauben denn auch die an den einzigen Heiland Jesus, die Heil und Seligkeit bei den Heiligen, bei sich selbst oder anderswo suchen? Nein. Sie rühmen sich zwar seiner mit Worten, verleugnen ihn aber mit der Tat“ (Frage 30). Das interessante daran ist, dass auch jeder gut informierte Katholik dem Heidelberger hier zustimmen kann! Denn auch Katholiken suchen Heil und Seligkeit natürlich nicht bei den Heiligen, sondern bei Jesus Christus, wie ein Blick in das entsprechende Dekret des Tridentinums (1545 - 1563) bestätigt: „Die Heiligen, die zusammen mit Christus herrschen, bringen ihre Gebete Gott dar; es ist gut und nützlich, sie flehentlich anzurufen und zu ihren Gebeten, ihrem Beistand und ihrer Hilfe Zuflucht zu nehmen, um von Gott durch seinen Sohn Jesus Christus, unseren Herrn, der allein unser Erlöser und Erretter ist, Wohltaten zu wirken.“ Um Fürbitte geht’s also, nicht um die Erlösung durch Heilige. 

3. „Jesus ist der einzige Mittler zwischen Gott und Menschen!“ Dieser Vorwurf ist biblisch unterfüttert, heißt es doch im 1. Timotheusbrief: „Einer ist Gott, Einer auch Mittler zwischen Gott und den Menschen: der Mensch Christus Jesus“ (2,5). Die Frage ist jedoch: Schließt die in der Tat einzigartige Mittlerschaft Christi jegliche weitere Vermittlung auf unteren Ebenen kategorisch aus? Das II. Vatikanische Konzil meint Nein: Zwar kann keine Kreatur „mit dem menschgewordenen Wort und Erlöser jemals in einer Reihe aufgezählt werden. Wie aber am Priestertum Christi in verschiedener Weise einerseits die Amtspriester, andererseits das gläubige Volk teilnehmen und wie die eine Gutheit Gottes auf die Geschöpfe in verschiedener Weise wirklich ausgegossen wird, so schließt auch die Einzigkeit der Mittlerschaft des Erlösers im geschöpflichen Bereich eine unterschiedliche Teilnahme an der einzigen Quelle in der Mitwirkung nicht aus, sondern erweckt sie“ (LG 62). Die einzigartige Mittlerschaft Christi macht unsere, und die Mittlerschaft der Heiligen, also erst möglich. Und tatsächlich, war es nicht der Herr Jesus selbst, der sagte: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch“ (Joh 20,21)? „Wir sind also Gesandte an Christi statt, und Gott ist es, der durch uns mahnt“ (2 Kor 5,20a). 

4. „Die Verehrung der Heiligen beraubt Gott der Ehre, die allein ihm zusteht.“ Die Frage ist: Warum sind die Heiligen eigentlich heilig? Die durchaus evangelische Antwort: Aus Gnade und auf Grund der Verdienste Christi! Am Beispiel der Jungfrau Maria erklärt, hört sich das so an: „Jeglicher heilsame Einfluss der seligen Jungfrau auf die Menschen kommt nämlich nicht aus irgendeiner sachlichen Notwendigkeit, sondern aus dem Wohlgefallen Gottes und fließt aus dem Überfluss der Verdienste Christi, stützt sich auf seine Mittlerschaft, hängt von ihr vollständig ab und schöpft aus ihr seine ganze Wirkkraft“ (LG 60). Und dabei handelt es sich nicht bloß um sophistisches Theologensprech oder Konzilschinesisch, wie das volksfromme Liedgut zeigt. Aus der 3. Strophe des beliebten marianischen Liedes »Sag an wer ist doch diese« (GL 588): „Du strahlst im Glanz der Sonne, / Maria, hell und rein; / von deinem lieben Sohne / kommt all das Leuchten dein.“ Es gilt also: Wer das Bild lobt, der ehrt den Künstler. Allein Gott in der Höh sei Ehr! 

5. „Das ist unbiblisch!“ Katholiken sehen das naturgemäß etwas anders. Bereits im 15. Kapitel des 2. Makkabäerbuches erscheint dem Judas Makkabäus der zu diesem Zeitpunkt längst verstorbene Prophet Jeremia, von dem es heißt: „Das ist der Freund seiner Brüder, der viel für das Volk und die heilige Stadt betet, Jeremia, der Prophet Gottes“ (V. 14). Auch dann, wenn man die Makkabäerbücher als apokryph und somit nicht autoritativ zurückweist, sollte man doch zur Kenntnis nehmen, dass dem nach-exilischen Judentum die Vorstellung von Fürbitte leistenden Heiligen keineswegs fremd war. Doch auch das Neue Testament verdammt die Heiligen, die ihren irdischen Lauf bereits vollendet haben, keineswegs zur Untätigkeit; vielmehr sind die Heiligen im himmlischen Thronsaal höchst aktiv und rufen „mit lauter Stimme: Wie lange zögerst du noch, Herr, du Heiliger und Wahrhaftiger, Gericht zu halten und unser Blut an den Bewohnern der Erde zu rächen?“ (Offb 6,9-10) Und auch der Autor des Hebräerbriefes erinnert die hebräischen Christen daran, dass sie in ihren Gottesdiensten u.a. hinzutreten „zu Tausenden von Engeln, zu einer festlichen Versammlung und zur Gemeinschaft der Erstgeborenen, die im Himmel verzeichnet sind; zu Gott, dem Richter aller, zu den Geistern der schon vollendeten Gerechten, zum Mittler eines neuen Bundes, Jesus, und zum Blut der Besprengung, das mächtiger ruft als das Blut Abels“ (Heb 12,22b-24). 

6. „Das ist völlig unnötig“, lautet ein weiterer Einwand. „Unnötig?“, fragt der Katholik. „Sind Gebet und Fürbitte jemals unnötig?“ Und in der Tat: Bitten wir nicht ständig Brüder und Schwestern, für uns zu beten „zu Gott, unserm Herrn“? Nun ist es gute, alt-kirchliche Überzeugung, dass die Gebetssolidarität der einzelnen Glieder am Leibe Christi den Tod (der ja überwunden ist!) überdauert und die Grenzen der Sphären transzendiert: Die verherrlichte, triumphierende Kirche im Himmel (ecclesia triumphans) tritt im Gebet ein, für die Brüder und Schwestern der auf Erden streitenden und kämpfenden Kirche (ecclesia militans). Diese Unterstützung sollte uns hochwillkommen sein, denn wir haben ja auch „nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern gegen die Fürsten und Gewalten, gegen die Beherrscher dieser finsteren Welt, gegen die bösen Geister des himmlischen Bereichs“ (Eph 6,12). Außerdem darf man, so John Henry Newman, gewiss sein, „dass die katholische Kirche kein Bild irgendwelcher Art, sei es materiell oder immateriell, kein dogmatisches Symbol, keinen Ritus, kein Sakrament und keinen Heiligen, nicht einmal die allerseligste Jungfrau zwischen die Seele und ihren Schöpfer treten lässt. Der Mensch steht seinem Gott von Angesicht zu Angesicht gegenüber, solus cum solo. Er allein ist Schöpfer und Erlöser; vor seinen erhabenen Augen gehen wir in den Tod, und sein Anblick ist unsere Seligkeit.“ Gelobt sei Jesus Christus. In Ewigkeit. Amen. 

Was für ein Fazit können wir in ökumenischem Geiste ziehen? Nun, ein bescheidenes. Es war nie die Absicht, aus nüchternen Calvinisten wallfahrende Heiligenverehrer zu machen. Sollte es aber gelungen sein, zur Auflösung eines konfessionellen Missverständnisses beigetragen zu haben, so wäre das Ziel dieses Posts erreicht. Verstauen wir die antikatholischen und die gegenreformatorischen Klischees, eins nach dem anderen, in der Mottenkiste der konfessionellen Polemik! Der nächste Beitrag in der Reihe Konfessionelle Missverständnisse wird sich mit dem Formalprinzip der Reformation, dem »sola scriptura« befassen. Es wird dann also evangelischer …

PSALM 42

 "Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so lechzt meine Seele, Gott, nach dir." (Ps 42,2)


WHAT ELSE IS THERE?

Als der amerikanische Romancier und Essayist Walker Percy einst von einem Journalisten, der er selber war, sinngemäß gefragt wurde, warum er angesichts der Fülle der Bekenntnisse und Weltanschauungen ausgerechnet zum Katholizismus konvertiert sei, antwortete er lakonisch: „What else is there?“ Einen ähnlichen Gedanken fasst der kolumbianische Philosoph und Aphoristiker Nicolás Gómez Dávila, wenn er die für ihn in Frage kommenden Optionen wie folgt benennt: „Skeptiker oder Katholik: der Rest vergeht mit der Zeit.“

Beide Aussagen bringen jenes katholische Selbstverständnis zum Ausdruck, das von Nicht-Katholiken zumeist nicht allzu begeistert aufgenommen, ja mitunter sogar als überheblich und anmaßend empfunden wird; nämlich jenes, das besagt, dass die Kirche Christi in der katholischen Kirche verwirklicht sei (vgl. Lumen gentium 8). Und damit nicht genug. Wir erinnern uns: Groß war der mediale Aufschrei, als die Kongregation für die Glaubenslehre uns im Jahr 2000 mit Dominus Iesus die alte Wahrheit neu ins Gedächtnis rief, dass die kirchlichen Gemeinschaften, „die den gültigen Episkopat und die ursprüngliche und vollständige Wirklichkeit des eucharistischen Mysteriums nicht bewahrt haben“, keine Kirchen im eigentlichen Sinne seien. Pech gehabt, Protestanten?

Was war los? Panzerkardinal und Großinquisitor Ratzinger auf einem vormodernen Kreuzzug gegen die evangelischen Kirchen?  Wie konnte diese eine Kirche, die ihr irdisches Hauptquartier im fernen, fernen Rom hat, von sich behaupten, als einzige im Vollbesitz christlicher Fülle und Wahrheit zu sein? Ein Skandal allererster Güte, denn an nichts leidet der postmoderne Pluralist bekanntlich mehr, als am selbstbewusst vorgetragenen Wahrheitsanspruch des Religiösen. Aber nichtsdestotrotz: Ist die Entrüstung nicht allzu verständlich? Gerade auch aus evangelischer Sicht? Ist der katholischen Schriftstellerin Flannery O’Connor angesichts solch lehramtlicher Aussagen nicht doch ein bisschen Recht zu geben, wenn sie die Selbstgefälligkeit als die katholische Sünde schlechthin bezeichnet [„Smugness is the great Catholic sin“]?

Bevor man nun aber allzu vorschnell geneigt ist, diese Flannery-Frage einseitig mit Ja zu beantworten, sollte man eines nicht vergessen: Es waren seinerzeit die protestantischen Reformatoren, die zuerst meinten, im Papst den wahrhaftigen Antichristen erblickt zu haben. In der Folge trennten sich die Wege. In den Schmalkaldischen Artikeln (die noch heute zum Bekenntnisstand der lutherischen Kirchen gehören) heißt es vom Papste, dass er „der rechte Endchrist oder Widerchrist sei, der sich über und gegen Christus gesetzt und erhöht hat, weil er die Christen nicht selig sein lassen will ohne seine Gewalt, welche doch nichts ist, von Gott nicht geordnet noch geboten.“ Und in den 39 Artikeln der Kirche von England (die sich bis heute in jeder Ausgabe  des Book of Common Prayer, dem offiziellen Gebetsbuch der Anglikanischen Gemeinschaft, finden) heißt es von der römischen Kirche, dass sie sich im Irrtum befindet, „und zwar nicht nur im Handeln und in den zeremoniellen Riten, sondern auch in Glaubenssachen.“

Selbstredend enthält sich die evangelische Kirche der Freiheit heutzutage, diesseits der Aufklärung, solchen Vokabulars und fordert nun lieber die versöhnte Verschiedenheit – zu beinahe gänzlich protestantischen  Bedingungen, versteht sich. Es bleibt eben dabei: Auch der Protestant ist letztlich Protestant, weil er den Protestantismus für richtig(er) erachtet! Das gilt vom bibeltreuen Evangelikalen wie vom liberalen Bultmann-Jünger, vom russlanddeutschen Baptisten wie vom harnackschen Kulturprotestanten. Jeder ist, was er ist und tut, was er tut, weil er es so für richtig hält. Und das ist auch gut so. Jedoch: Wie man es dreht und wendet, immer ist er da, der leidige Wahrheitsanspruch! Auch mit dem Hier-stehe-ich-und-kann-nicht-anders scheint also bei Licht betrachtet kein dialogischer Blumentopf zu gewinnen zu sein. Pech gehabt, Katholiken?

Was heißt das nun aber für die Ökumene? Soll tatsächlich jeder ohne Abstriche auf dem beharren, was er als gut, wahr und schön erkannt zu haben meint? Oder soll man lieber fünfe gerade sein lassen und die je eigenen konfessionellen Proprien sukzessive preisgeben? Entweder Ende im antagonistischen Gelände oder konfessionelle Selbstaufgabe zu Gunsten der großkirchlichen Wiedervereinigung. Aber bleibt uns wirklich nur diese Wahl zwischen Skylla und Charybdis, zwischen ökumenischem Stillstand einerseits und theologischem Relativismus andererseits? Let’s face it: Die so genannte Ökumene von unten hat längst den relativistischen Weg des geringsten Widerstandes eingeschlagen: Evangelische Christen, die meinen »sola fide« sei eine Solarstrominitiative des zuständigen Bundesministeriums, treffen auf deutsche Katholiken, die nun ihrerseits den Papst für den ultramontanen Antichristen halten, und feiern gemeinsam zeitgeistige Gottesdienste im Namen der Mutter, der Logoskraft und der Heiligen Geistin. Pech gehabt, (evangelische und katholische) Orthodoxie?

Zugegeben, das war polemisch. Zum Glück geht es ja auch anders – nämlich im echten ökumenischen Dialog, jenseits von Selbstaufgabe und falschem Irenismus: Die katholische Kirche bekennt im Ökumenismus-Dekret des II. Vatikanischen Konzils von den von ihr getrennten Kirchen und Gemeinschaften, dass der Geist Christi sich gewürdigt hat, „sie als Mittel des Heiles zu gebrauchen, deren Wirksamkeit sich von der der katholischen Kirche anvertrauten Fülle der Gnade und Wahrheit herleitet“ (Unitatis redintegratio). Und in der Enzyklika Ut unum sint aus dem Jahr 1995 heißt es gar, dass in den getrennten Kirchen und Gemeinschaften „gewisse Aspekte des christlichen Geheimnisses bisweilen sogar wirkungsvoller zutage treten“ können. Und ja, auch konservative Protestanten strecken zuweilen zaghaft ihre Fühler gen Rom aus. In sexual- und bioethischer Hinsicht haben Evangelikale, Freikirchler, landeskirchliche Gemeinschaften und evangelische Bekenntnisbewegungen ohnehin mehr mit den getrennten Brüdern auf der anderen Seite des Tibers gemein als mit den Genderbeauftragten und grünen Parteigängern im Rat der EKD. Und als ob das noch nicht genug wäre: Sogar die Jesus-Bücher des Papstes erfreuen sich an den Büchertischen evangelikaler Gemeinden größter Beliebtheit – wohl auf Grund ihrer kanonischen Schrifttreue. Pech gehabt, Bultmann?

Grund genug also, sich die Frage »What else is there?« einmal auf nicht-ironische Art und Weise zu stellen und einen Blick über den eigenen konfessionellen Tellerrand zu wagen. Ganz nach dem paulinischen Motto: „Prüft alles und behaltet das Gute!“ (1 Thess 5, 21) Die Zukunft der Ökumene liegt ohnehin nicht in trotzigen politischen Initiativen à la Ökumene- Jetzt!. Die wahre Ökumene der Zukunft muss vielmehr eine Ökumene der Überzeugten auf beiden Seiten sein, eine Ökumene derer, die um die Eigenheiten und Unterschiede wissen und die im Glauben und in der Liebe um Einheit und Wahrheit ringen – oder besser: um Einheit in Wahrheit. Das haben uns Theologen wie Philipp Melanchthon, Johann Adam Möhler, Hans Urs von Balthasar, Karl Barth u.a. immer wieder vorgemacht. Tief verwurzelt in ihrer jeweiligen konfessionellen Tradition konnten diese großen Denker und Beter die Stärken und Schwächen der jeweils anderen Seite erkennen und konstruktiv nutzen. Auf diese Weise haben sie letztlich mehr zur spirituellen und ekklesialen Einheit der Christen beigetragen als tausend Dialogprozesse und Kirchenvolksbegehren.

Tun wir es ihnen nun – stets im Rahmen unserer ungleich bescheideneren Blogger- und Kommentatoren-Möglichkeiten – nach und gleich. Hier ist Raum für Kontroverstheologisches – für Protestantisches, Evangelikales, Orthodoxes und Katholisches. Entdecken wir das Gute auf der jeweils anderen Seite, räumen wir Missverständnisse aus, gehen wir gemeinsam an die Grenzen der Gemeinsamkeit – und vergessen wir dabei nie, wie sehr ein solches Unterfangen voraussetzt, dass alle „Gesprächspartner Gott vor sich und nicht im Rücken haben! Vielmehr auf Ihn zuschreiten, als den immer Größeren und Geheimnisvolleren, der, nach Augustins Wort, unendlich ist, um auch als Gefundener je neu gesucht zu werden“ (Hans Urs von Balthasar).

In diesem Sinne: Herzlich willkommen auf WHAT ELSE IS THERE? …