25.01.2013

EVANGELIKAL UND KATHOLISCH?

Kann man gleichzeitig katholisch und evangelikal sein? Diese und andere Fragen erörtern der baptistische Kirchenhistoriker und Pastor Timothy George und der katholische Philosoph und Ethiker Francis Beckwith. Beckwith wuchs katholisch auf, konvertierte in jungen Jahren zum evangelischen Bekenntnis und war Präsident der Evangelical Theological Society - bevor er 2007 wieder katholisch wurde und das Buch »Return to Rome: Confessions of an Evangelical Catholic« verfasste. Moderiert wird die ganze Veranstaltung von Chris Castaldo, einem Konvertiten in die Gegenrichtung. Er ist reformierter Pastor und Autor des Buches »Holy Ground: Walking with Jesus as a Former Catholic«. Die Leute wissen also, wovon sie reden. 


Da sich das Ganze aber irgendwie nicht einbetten lässt, klicke man auf eines der Bücher above. Katholiken links, Evangelische rechts - das Ziel ist dasselbe (wie passend). 

KIRCHE VOR WELT

Es ist doch immer schön, wenn die Lektüre sich ergänzt. So habe ich heute bei zwei sehr unterschiedlichen Theologen mit sehr unterschiedlichem kirchlichem Background zwei sehr ähnliche Gedanken gefunden. Der katholische Kardinal Henri de Lubac (1896-1991), wohl bekanntester Vertreter der Nouvelle Théologie, schreibt in »Glauben aus der Liebe«:


„Die wenigen, die in Christus alles empfingen, sind eingesetzt für das Heil derer, die ihn nicht erkennen konnten. Ihr Vorrecht ist Sendung.“

 
Und siehe da, in seinem Büchlein »Die Politik des Leibes Christi« schreibt der täuferisch-mennonitische Theologe John Howard Yoder (1927-1997): 


„Das Volk Gottes ist heute schon berufen, das zu sein, wozu letztlich auch die Welt berufen ist.“




Vielleicht gelingt es ja eines Tages, auf dieser Linie so etwas wie eine bessere ökumenische Ekklesiologie zu entwickeln. Denn schließlich sind auch nach katholischem Verständnis Kirche und Ämter kein Selbstzweck, sondern stehen ganz im Dienst der Sendung, des Auftrags und der Erneuerung der Welt durch Christus.

24.01.2013

IMMER DANKE SAGEN

 

"Sorgt euch um nichts, sondern bringt in jeder Lage betend und flehend eure Bitten mit Dank vor Gott! Und der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken in der Gemeinschaft mit Christus Jesus bewahren." (Phil 4,6.7) 

HÄRESIE DES WEGLASSENS

Ist es nicht treffend, dass das griechische Wort Haíresis (αἵρεσις), von dem wir unseren Begriff ‚Häresie‘ herleiten, auch so viel bedeuten kann wie ‚Wahl‘ oder ‚Auswahl‘? Oft ist es doch so, dass nicht allein das Gesagte den Irrtum lehrt, sondern vielmehr das Gesagte in Verbindung mit dem, was nicht gesagt, was wider besseres Wissen verschwiegen wird. Gut, man könnte nun zu Recht einwenden, dass nicht immer alles zu hundert Prozent verbal-orthodox ausformuliert werden kann und dass so jeder Vortrag, jede Predigt und jeder Artikel notwendig ein bisschen häretisch ist. D’accord. Wer auf begrenztem Raum oder in begrenzter Zeit etwas sagen will, der muss natürlich eine Auswahl treffen, der muss dieses aussprechen und jenes weglassen.
      
Was aber, wenn wir in Bezug auf die Inhalte unseres Glaubens permanent so verfahren? Was, wenn gewisse Glaubenssätze nicht nur in einem klar umgrenzten und begrenzten Kontext ausgespart werden, sondern, mir nichts dir nichts, gar nicht mehr zur Sprache kommen und so quasi en passant aus der Verkündigung gestrichen werden? Hier einige wenige Beispiele: 

Ein bei Taufen beliebter Vers ist Mk 16,16. Ich habe schon einige Taufgottesdienste miterlebt – katholische, evangelische und auch baptistische. Fast immer wird wie folgt zitiert: „Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet.“ Punkt. Das ist schön und natürlich dem freudigen Anlass einer Taufe angemessen. Vergessen (oder besser: verdrängt) wird dabei nur, dass das nicht der ganze Vers ist. Im Original und in nahezu allen Übersetzungen heißt es nämlich: „Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet; wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden.“ Das nun wieder möchte man der versammelten Festgemeinde dann doch nicht (mehr) zumuten. Sonst käme noch jemand auf die absurde Idee, es ginge wirklich um Erlösung oder sowas. 

Ein anderer biblischer Bereich, in dem die gutmenschliche Zensur fröhliche Urstände feiert, sind die Psalmen. Schon mal einen evangelischen Gottesdienst zum Thema „Bewahrung der Schöpfung“ besucht? Ja? Dann ja bestimmt auch Psalm 8 gehört: „HERR, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen, der du zeigst deine Hoheit am Himmel! Aus dem Munde der jungen Kinder und Säuglinge hast du eine Macht zugerichtet. Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast“ usw. Aber Momentchen mal, fehlt da nicht was? Da bei den Kindern und Säuglingen? Aber ja doch: „Aus dem Munde der jungen Kinder und Säuglinge hast du eine Macht zugerichtet um deiner Feinde willen, dass du vertilgest den Feind und den Rachgierigen“, heißt es in der Luther-Übersetzung tatsächlich. Aber diesen alttestamentlichen Gottesbegriff, den mit Zorn und Strafen und Vertilgen, den haben wir Aufgeklärten doch zum Glück längst überwunden, oder? 

Einer geht noch. Da hört man sich im Auto eine CD mit christlichem Liedgut an und freut sich schon, dass gleich auch Bonhoeffers »Von guten Mächten« kommt. Und es kommt, ganz ordentlich vertont, mit allen Strophen – bis auf eine:

Und reichst Du uns den schweren Kelch, den bittern
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus Deiner guten und geliebten Hand.

"Das geht ja nun auch wirklich nicht", denkt sich der Mensch von heute. "Unser Gott ist ein guter, ein lieber Gott. Niemals käme der auf die Idee, uns einen schweren, bitteren Kelch zu reichen. Auf solche Ideen kommen nur so Märtyrer-Hansel wie Paulus, Bonhoeffer oder Thomas Morus, die im Leben nun wirklich nichts zu erdulden hatten. Mir hingegen haben sie das Weihnachtsgeld gekürzt! Und Vanilleeis war auch schon wieder ausverkauft – so grausam kann kein Gott sein." Und so verschwindet - ganz heimlich, still und leise - auch er, der Glaube an die göttliche Vorsehung.

Zugegeben, das war etwas übertrieben. Darum zurück zur Ausgangsfrage: Was macht das mit uns? Inwiefern prägt es den Glauben der Menschen, wenn Sachen wie die oben genannten einfach verschwiegen, gestrichen oder zensiert werden? Die Antwort dürfte klar sein: Ganze Dimensionen des Gottesbildes und des gelebten Glaubens gehen uns verloren. Das z.B., was unseren Müttern und Vätern im Glauben half, „in aller Widerwärtigkeit geduldig, in Glückseligkeit dankbar und auf die Zukunft hin voller Vertrauen zu unserem treuen Gott und Vater“ (Heidelberger Katechismus) zu sein, das fehlt uns Heutigen. Ungläubig starren wir auf das Leid und den Schmerz in der Welt und versuchen unsere zuckersüße Vorstellung von einem lieben Gott und seiner guten Schöpfung in Einklang zu bringen mit all dem Bösen, dem Hässlichen und Schlechten, das zuweilen auch guten Menschen widerfährt. So mancher Glaube zerbricht daran. 

Um nicht missverstanden zu werden: Gott ist gut! Jeder begnadigte und begnadete Sünder, jeder Christ weiß das. Aber Gott ist eben auch der Gott der spricht: „Ich bin der Herr und sonst niemand. Ich erschaffe das Licht und mache das Dunkel, ich bewirke das Heil und erschaffe das Unheil. Ich bin der Herr, der das alles vollbringt.“ (Jes 45,6.7) Dementsprechend ist es auch nicht falsch, wenn wir mit Hanna bekennen: „Der Herr tötet und macht lebendig, führt hinab zu den Toten und wieder herauf. Der Herr macht arm und macht reich; er erniedrigt und erhöht.“ (1 Sam 2,6.7) Oder uns mit Hiob fragen: „Nehmen wir das Gute an von Gott, sollen wir dann nicht auch das Böse annehmen?“ (Hiob 2,10)

Das mag hart, unbequem und unpopulär sein, es mag uns nicht in den Kram passen; am Ende jedoch liegt unaussprechlicher, seliger Trost darin. Nur so ist es zu erklären, dass der Völkerapostel den Stachel im Fleisch annehmen und sich seiner Schwachheit rühmen konnte (vgl. 2 Kor 12,7 ff.). Nur so ist es zu erklären, dass Bonhoeffer in seiner Zelle eine Strophe wie die obige dichten konnte. Und nur so ist es zu erklären, dass der hl. Thomas Morus seine Tochter am Vorabend seiner Hinrichtung mit den Worten trösten konnte: „Es kann nichts geschehen, was Gott nicht will. Was immer er aber will, so schlimm es auch scheinen mag, es ist für uns dennoch wahrhaft das Beste."
 
Seien wir also stets darum bemüht, den ganzen Willen, den ganzen Ratschluss Gottes zu bedenken und zu verkünden (vgl. Apg 20,27). Gott weiß sehr viel besser als wir, warum er offenbart hat, was er offenbart hat und es ist nicht an uns, den Allerhöchsten zu zensieren. Und Christ, vergiss nicht: „Wenn Du glaubst, was Dir am Evangelium gefällt, und zurückweist, was Dir nicht gefällt, vertraust Du nicht dem Evangelium, sondern Dir selbst.“ (Augustinus)

21.01.2013

ZUR LAGE DER VOLKSKIRCHE(N)

Ich wage das Experiment und stelle heute mal einen längeren Text zur gegenwärtigen geistesgeschichtlichen Situation und zur Lage der Volkskirchen ein. Ich hoffe, die geneigte Leserschaft lässt sich von der Länge des Textes (der, ich geb's zu, ein bisschen düster-überzeichnet ist) nicht abschrecken. 

„Was sind denn diese Kirchen noch, wenn sie nicht die Gräber und die Grabmäler Gottes sind?" Diese Anfrage Nietzsches hatte schon zu seiner Zeit ihre Berechtigung; uns Heutigen aber hat sie wie Prophetie zu klingen. Die Gotteshäuser sind leer und verwaist – und das gilt allzu oft auch dann, wenn die Bänke gut gefüllt sind. Wer der harschen Diagnose durch den Verweis auf protestantische Innerlichkeit zu entgehen meint, muss bald eingestehen, dass längst auch Häuser, Heime und Familien kein Ort der Schriftbetrachtung und des Gebets mehr sind. Diejenigen, die sich sonntags zur Kirche tragen, tun es oft verschämt, hohlen Blicks, unwissend: Kaum ein Katholik, der die Liturgie seiner Kirche begreift; kaum ein Protestant, der weiß, was es mit der Rechtfertigung des Sünders aus Glauben auf sich hat. Der Kirchgang gleicht einem Kondolenzbesuch bei denen, die  hauptamtlich Totenwache zu halten haben und in zeremoniellem Gewand am Leichnam des verwesenden Gottes ausharren. Wirklich gekannt hat man diesen Gott nicht, aber eine Mischung aus morbider Neugier, leiser Reue und pflichtbewusster Grabpflege treibt wöchentlich Hundertausende in die Kirchen. Noch, möchte man hinzufügen. 

Caspar David Friedrich - 'Winterlandschaft mit Kirchenruine'

Und von denen, die draußen sind, von den gänzlich Gott-losen ist an dieser Stelle noch kein Wort gesagt. In diesem Sinne ist es wahr: Die Kirchenkrise ist eine Gotteskrise. Was also, wenn der Radio hörende, elektrisches Licht benutzende Mensch von heute wirklich nicht mehr glauben kann an einen Gott, der die Toten auferweckt (s. Rudolf Bultmann)? Andererseits, ist es nicht eben dieser homo faber, der in zunehmendem Maße glaubt – an Tarotkarten, Horoskope, Astrologie? Ist sie nicht gerade heute vielen Zeitgenossen wieder zu wünschen, die augustin‘sche Erkenntnis, dass die „trügerischen Zukunftsdeutungen der Astrologen und ihre gottlosen Albernheiten“ nichtig sind? Ist das alttestamentliche Verbot der Wahrsagerei und Zauberei nicht insofern wieder aktuell (vgl. Lev 19,26b)? Wie auch immer man dieses Phänomen religionsgeschichtlich einordnen mag, eines lässt sich aus dem Aufleben neopaganer Bräuche, animistischer Naturfrömmigkeit und fernöstlicher Religiosität schlussfolgern: Die Krise, in die der christliche Gottesglaube geraten ist, ist nicht nur dem Zuwachs an naturwissenschaftlicher Erkenntnis geschuldet, wie so oft – auch und gerade von atheistischer Seite – behauptet wird. Mit anderen Worten: Sie ist keine reine Supranaturalismuskrise. Es mag richtig sein, dass etwa die Ergebnisse der Evolutionsbiologie viele Menschen an  Glaubwürdigkeit und Verständnis der biblischen Schöpfungsberichte zweifeln lassen; vom Engels- und Geisterglauben, vom Animismus, Schamanismus und Spiritualismus halten sie sie nicht ab.

Es ist also weniger der bloße Glaubensakt (fides qua creditur), der Schwierigkeiten bereitet, als vielmehr der konkrete Inhalt des Glaubens (fides quae creditur). Die offenbarte christliche Doktrin, bei der man zu bleiben hat, eben weil sie offenbart ist, wird mehr oder weniger offen abgelehnt. Die Ursache für dieses allmähliche Auseinandertreten von Glaube und Geglaubtem ist geistesgeschichtlich verwoben mit Aufklärung und Aufstieg der szientistischen Weltbetrachtung. Zwar hat das wissenschaftliche Stadium die Religion nicht in dem Maße verdrängt, wie es sich die comte‘schen Positivisten des 19 Jh. erträumten, nichtsdestotrotz wirkt der mit dem wissenschaftlichen Projekt der Moderne einhergehende Tunnelblick weiter nach. Fortschrittswille und Wunsch nach Natur- und Weltbeherrschung bestimmen nun auch den Blick aufs Religiöse. Der erkenntnistheoretische Ansatz Kants, der noch nach der Möglichkeit des Glaubens fragte, ist der pragmatischeren Frage nach dem Wozu des Glaubens und seiner Sätze gewichen. Das depositum fidei wird auf seine Welttauglichkeit hin abgeklopft. „Auf seinem Weg in Raum und Zeit verändert der Mensch die Welt, der er begegnet, und diese Veränderung verändert wiederum ihn selbst. Indem er in seinem Drang nach vorwärts alles ihm Begegnende zum Werkzeug macht, wird er schließlich selbst zum Werkzeug. Aber auf die Frage, wozu das Werkzeug dienen soll, weiß er keine Antwort“ (Paul Tillich).

Es ist dieser verdinglichende Drang nach vorwärts, der auch die Sphäre des Religiösen nicht verschont. Der Wille zur Macht macht vor Transzendentem nicht Halt. Es darf somit nicht verwundern, dass es gerade das vor-christliche Heidentum, die animistischen Naturreligionen und die fernöstlichen Spiritualitäten sind, die dem modernen Menschen attraktiv erscheinen: Götter, Geister, Engel und Naturwesen sind als metaphysische Werkzeuge zu Diensten und nach Belieben verfüg- und manipulierbar. Meditationstechniken, Trancen und eine Vielzahl vulgärer Psychologismen überfluten den Markt. Die Grenzen zwischen Wissenschaft und Hokuspokus verschwimmen zusehends. Nicht umsonst wohl lässt Solowjew den Wundertäter seiner Antichrist-Erzählung einen großen Magier, einen profunden Kenner und Verbinder westlicher Wissenschaft und  östlicher Mystik sein. Denn für "die Magie so gut wie für die angewandten Naturwissenschaften heißt das Problem, die Wirklichkeit den Wünschen der Menschen gefügig zu machen; die Lösung liegt in der Technik“ (C.S. Lewis). Hierin – und nicht etwa in einem irgendwie agnostischen oder atheistischen Nicht-mehr-glauben-Können – liegt die Ablehnung begründet, die der christliche Glaube sowohl inner- als auch außerkirchlich gegenwärtig erfährt. 

Der biblische Gott, der der lebendige Gott ist, ist der schlechthin Unverfügbare. Der Anthropozentrismus, der dem fortschrittsoptimistischen Modernen wie dem  identitätskrisengeschüttelten Postmodernen zur zweiten Natur geworden ist, hat in einer theozentrischen Weltanschauung wie der christlichen keinen Platz. „Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen“ (Röm 11,33). Hier ist der Mensch der Verfügte, der Unfreie, Sklave der Sünde oder Sklave Christi – tertium non datur. Er ist angewiesen auf die freiwillige Herablassung des Allerhöchsten. Er ist es, der die Knie zu beugen hat. Der Deus absconditus hingegen offenbart sich, wann er will. Der gnädige Gott schließt den Bund, mit wem er will. Und selbst da, wo es auf göttliche Weisung hin zu Berührungspunkten der Sphären kommt – im Opfer- und Tempelkult  Israels, in den Sakramenten der Kirche, im Wort der Verkündigung –, selbst da bleibt er der, dessen Anwesenheit unverfügbar ist, der, auf den niemand schon qua Opfers ein Anrecht hat, denn „der Gottlosen Opfer ist dem Herrn ein Gräuel“ (Spr 15,8a). „Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen“ (Joh 3,5). Der Geist Gottes aber ist frei und weht, wo er will (auch dann noch, wenn man bekennt, dass er sich in gnädiger Herablassung an die Taufe gebunden hat); das Wort Gottes ist ungebunden und wirkt, was es soll. „Ja, lieber Mensch, wer bist du denn, dass du mit Gott rechten willst?“ (Röm 9,20) Der Gott, der so spricht, ist hoch erhaben über den Bereich des Manipulierbaren – und von daher uninteressant für die, die draußen sind. Dort, außerhalb der Kirche Christi, will man Götter, die den Bedürfnissen der Menschen entsprechen, die sich dem Machtanspruch des Menschen nicht entgegenstellen, sondern sich fügen. Von daher gilt das alte ‚extra ecclesiam nulla salus‘ unvermindert, denn solchermaßen manipulierbare Götter sind Götzen. Sie haben der Welt nur zu sagen, was diese ihnen zuvor souffliert. Und so verwundert es nicht, dass es zumeist ein simples „Weiter so!“ ist, das ihre hölzernen Münder verlässt. 

Aber auch hier, innerhalb der Kirche Christi, will man mit Vehemenz einen solchen Gott. Will? Vielerorts hat man ihn schon! Es ist der einzige Gott, über den sich frei verfügen lässt: Ein toter Gott. JHWH nur noch dem Namen nach. Es ist dies eben der Gott, der vom Kirchenvolk Woche für Woche stumm begafft und betrauert wird. Luther hat hierin den tiefsten Kern der Konkupiszenz gesehen: Der Mensch, homo incurvatus in se, will auch und gerade in der wahren Religion homo faber sein und das Heft des Handels nicht aus der Hand legen. Aus diesem Grund macht er aus dem Gott, der spricht „Ja, lieber Mensch …“ wieder und wieder den lieben Gott der Kontingenzbewältigung, der dann spricht, nur dann spricht, wenn man es ihm aufträgt: Zu Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen etwa. Das rechte Wort zur rechten Zeit. Um diesen Götzen dauerhaft zu bewahren und das Einbrechen des lebendigen Gottes in seine Kirche zu verhindern, bedient man sich dreier Reden: der Rede von der Freiheit, der Rede von der Unzeitgemäßheit und der Rede von der Zeitbedingtheit. Die Freiheit ist das Offenbarungsorgan des toten Gottes. Man bedient sich der Rede von ihr, wenn man sich Bereiche erschließen will, die bisher verboten und verwehrt gewesen sind. Natürlich, man weiß um die petrinische Warnung, die Freiheit nicht als Deckmantel für das Böse zu nehmen (vgl. 1 Pet 2,16). Aber dann, ist so zu reden, zu warnen, zu begrenzen nicht schrecklich unzeitgemäß – und wider die christliche Freiheit? Die Rede von der Unzeitgemäßheit ist die Schwester der Rede von der Freiheit. Wann immer jemand sich erdreistet, die eine in ihre Schranken zu verweisen, springt die andere herbei und tadelt solches Reden: „Ist das noch zeitgemäß?“ Die dritte, die Rede von der Zeitbedingtheit, ist die älteste Schwester. Ihre Stimme war schon im Paradies: „Sollte Gott wirklich gesagt haben …?“ Eine Kirche aber, die die Reden von Unzeitgemäßheit und Zeitbedingtheit wie selbstverständlich zu ihrem defensiven Repertoire zählt, läuft Gefahr sich selbst in den je eigenen Bedingtheiten zu verstricken und die Dogmen der Zeit bereitwillig zu übernehmen. Ein wenig Sauerteig durchsäuert den ganzen Teig. Eine streitende Kirche, die meint, mit der Rede von der Freiheit eine Brücke in jegliche Gefilde der (johanneisch verstandenen) Welt schlagen zu können, prüfe sich selbst, ob sie noch im Glauben steht. „Das Stehen in der Freiheit, auch in der religiösen Freiheit, wird bezahlt mit Verlust an lebendiger Substanz“ (Paul Tillich).

Sagen wir es frei heraus: Die Gotteskrise, die sich als Kirchenkrise manifestiert, ist in Wirklichkeit eine Verkündigungskrise. Von der Kanzel verkündigt wird der tote Gott. Errichtet werden Hütten auf Tabor. Es werden Tür und Tor hoch und weit gemacht, doch nicht für den Herrn der Herrlichkeit. „In der Absicht, der modernen Welt die Arme zu öffnen, öffnete die Kirche ihr die Beine“ (Nicolás Gómez Dávila). Wie im Falle Trojas, sind es  Ermüdung und Kraftlosigkeit derer, die Verteidiger sein sollten, die dem hölzernen Pferd den Weg bereiten. Woher aber solche Kraftlosigkeit, wenn nicht aus Scham? „Ich schäme mich des Evangeliums nicht: Es ist eine Kraft Gottes“, schreibt der Apostel an die Römer im Zentrum der heidnischen Welt. Wer das Evangelium hat (hat, wohlgemerkt, in zerbrechlichen, irdenen Gefäßen!), der hat die δύναμις Gottes! Was ist dann aber Kraftlosigkeit anderes als Evangeliumslosigkeit? Man wird sich kirchlicherseits diesem Vorwurf stellen müssen. Hat man nicht mithilfe der dreifachen Rede – der Rede von der Freiheit, von der Unzeitgemäßheit und von der Zeitbedingtheit – den lebendigen Gott ausgetrieben und ihn und das Evangelium seiner Kraft eingetauscht gegen den toten Kirchengott mit seiner zur bloßen Therapie degenerierten Frohbotschaft? Hat man nicht hier, im Innenraum der Kirche, die Frohbotschaft zur schalen, oberflächlichen Freudenbotschaft gemacht – und die Gotteshäuser gleich mit zu Freudenhäusern? Es ist dies das große Paradoxon unserer Kirchen-Zeit: Denn was sind diese Freudenhäuser nun in Wirklichkeit anderes als die Gräber und Grabmäler Gottes?!

Waren im 19. Jh. Moralismus und Kulturprotestantismus die Evangeliums-Substitute eines Teils der Kirche, so nehmen heute Besinnlichkeitsrhetorik und Entertainment diesen Platz ein. Aber „entertainment is the devil’s substitute for joy“ (Leonard Ravenhill) und spätesten seit Bunyans »Pilgrim's Progress« wissen wir, dass Christen der Jahrmarkt der Eitelkeiten nicht gut bekommt. Der tote Gott jedoch erlaubt all denen in seinen Häusern das Gastspiel, die neben ihrer eigenen Gerechtigkeit auch ihre eigene Freude aufzurichten suchen – eben weil er selbst die wahrhaft evangelische Freude nicht geben kann. Gerechtfertigt wird dies seelsorgerlich; und übersehen wird dabei doch die wirkliche, die echte Not derer, die draußen und drinnen sind und die so nur zu wählen haben zwischen Verhängnissen: Skylla oder Charybdis, die Götzen der Welt oder der tote Kirchengott. Wer hieran etwas ändern will, der hat zuvor einzugestehen, dass die Scham dem Leib in sämtliche Glieder gefahren ist. 

Nur wer Buße tut, darf auf Veränderung hoffen. Das, was man so dringend braucht, hat man schon – aber es bedarf der Aktualisierung. Der, ohne den man ohnehin rein gar nichts tun kann, steht mahnend am Ende eines jeden solchen Irrwegs und damit am Anfang eines jeden echten Neubeginns: „Mich, die lebendige Quelle, verlassen sie und machen sich Zisternen, die doch rissig sind und kein Wasser geben“ (Jer 2,13b). Man wird es bekennen müssen. Und dann, erst dann, kann der Schlachtruf nach vorn ertönen: „Ad fontes!“ Denn es ist schon richtig: „Die Tradition ehren entbindet nicht der Pflicht, alles immer von vorn anzufangen, nicht bei Augustin oder Thomas oder Newman, sondern bei Christus“ (Hans Urs von Balthasar). Und doch, bevor der Vater ihn in die Arme schließen kann, hat der verlorene Sohn zurückzukehren aus dem fernen Land, in das er eigenmächtig ausgezogen war. Bevor Gemeinde Christi neu beginnen kann sich scham-los und kraft-voll zu ereignen, wollen die Kosten überschlagen und das Fundament geprüft sein, damit nicht letztlich doch nur auf Sand gebaut wird. Das hellenistisch „Erkenne dich selbst“ und das paulinische „Erforschet euch selbst“ gehen dabei als Zweck- und Instrumentalursache Hand in Hand. Es klingt paradox, aber diejenigen, die wieder lebendige, sich ereignende Gemeinde Christi sein wollen, haben sich zunächst als solche wiederzuerkennen; wir tun dies, indem wir uns selbst erforschen und uns so des Schatzes vergewissern, der der Kirche anvertraut ist: „Empfangt, was ihr seid: Leib Christi, damit ihr werdet, was ihr empfangt: Leib Christi.“

WAHRER ATHEISMUS?


"Many who consider themselves atheists are in fact persons who are discontented with the naïve idea of God which makes him appear to be an ‘object’ or a ‘thing’ in a merely finite and human sense." (Thomas Merton)

18.01.2013

THE(OTOKOS) DARK KNIGHT


KATHOLIKEN UND EVANGELIKALE IN DEN MEDIEN

Für alle die es noch nicht bemerkt haben: Wir leben in einer boulevardesken Schlagwortkultur. In den großen Fernsehredaktionen und den alt-ehrwürdigen Verlagshäusern redet man zwar noch gern mit Pathos vom investigativen Journalismus, von knallharter Recherche und journalistischem Ethos, doch handelt es sich dabei wohl eher um die Selbstbeweihräucherungsrhetorik eines Berufsstandes, der sich in Zeiten von Twitter und Facebook selbst in der Krise weiß. Denn tatsächlich ist die so genannte Fünfte Gewalt (die selbst keiner Gewaltenkontrolle unterliegt) mit ihren suggestiven Schlagzeilen und Anmoderationen längst aufgesprungen auf den Zug der reißerischen und verkürzenden Tweets und Textmessages.

Doch mehr als das: Anstatt dem Bildungs- und Informationsauftrag nachzukommen, scheint man sich in so mancher Redaktion darauf verlegt zu haben, die geneigte Leser- bzw. Zuschauerschaft abzurichten wie pavlovsche Hunde (oder Schafe, wenn man so will). Indem man gewisse Begriffe beständig in einen gewissen Kontext stellt, schafft man Reizworte, die im Leserhirn schon bei bloßer Nennung die gewünschte Reaktion auslösen. Dass inzwischen so mancher Zeitgenosse meint, Kindesmissbrauch sei ein rein katholisches Problem, ist kein Zufall; und auch die weitverbreitete Vorstellung, das erklärte Fernziel der Evangelikalen bestünde in der Machtübernahme und der Errichtung eines autokratischen Gottesstaates, verdankt sich der bundesdeutschen Berichterstattung.

Überhaupt sind es auffällig oft konservative katholische und evangelikale Christen, die in den Medien ihr Fett weg kriegen. So mancher Schreiberling scheint dabei von der hehren Idee beseelt zu sein, Fortschritt, Demokratie und Aufklärung einen Dienst zu erweisen, wenn er die gefühlt Mittelalterlichen, ihre ihm verquer erscheinende Sexualmoral und ihr missionarisches Sendungsbewusstsein in einem beständig schlechten Licht erscheinen lässt. Der Zweck heiligt dann oft die Mittel - und die Mittel steigern die Auflage: Während es die evangelischen Protestanten mit ihrer Grundgesetzfrömmigkeit und ihrer grünen Anpassungsethik nur selten in die Schlagzeilen schaffen, jagt man den Lesern mit Geschichten von vermeintlichen Katholiban und evangelikalen Gotteskriegern des Öfteren wohlig-gruselige Bestätigungsschauer über den Rücken.

Umso wichtiger erscheint es, dass besagte Gruppen, Katholiken und Evangelikale, enger zusammenrücken und sich nicht erleichtert bis schadenfroh zeigen, wenn gerade die jeweils 'andere' Seite am medialen Pranger steht. Der Neutestamentler Klaus Berger hat Recht, wenn er sagt, dass der Graben längst nicht mehr primär entlang der konfessionellen Grenzen verläuft, sondern vielmehr zwischen denen, die noch christlich glauben und denen, die es nicht mehr wirklich tun. Soll heißen: Der traditionelle Katholik steht dem bibeltreuen Evangelikalen oft näher als dem Gremiums-Aktivisten in der eigenen Kirche. Und umgekehrt dürfte der Durchschnitts-Evangelikale mehr mit Papst Benedikt gemein haben als mit Katrin Göring-Eckhardt. 

Vor diesem Hintergrund freut es mich immer, Meldungen wie die folgenden zu entdecken. Die evangelikale Nachrichtenagentur Idea berichtet unter dem Titel "Evangelikale ehren katholischen Bestsellerautor Lütz"

Wenn wir Jesus Christus als Zentrum des christlichen Glaubens haben, werden konfessionelle Unterschiede unwichtig. Davon ist der katholische Theologe, Mediziner und Bestsellerautor Manfred Lütz (Köln) überzeugt. Christus sei das Wesentliche überhaupt. Weil das viele evangelikale Christen begriffen, hätten sie innerhalb der Ökumene auch den größten Schritt im Miteinander mit katholischen Christen getan. Er selbst fühle sich von Evangelikalen oft mehr verstanden als von Besuchern von Katholikentagen

Und auch auf der Internetseite der Evangelischen Allianz in Deutschland (EAD) hieß es vor einiger Zeit:          

Papst Benedikt XVI. und evangelikale Christen stimmen in der entscheidenden Frage überein: Beide sind der Auffassung, dass das Herz des christlichen Glaubens die Beziehung zu Jesus Christus ist. Das sagte der Vorsitzende der Theologischen Kommission der Weltweiten Evangelischen Allianz, Prof. Thomas Schirrmacher (Bonn), auf der ersten gemeinsamen Theologischen Studienkonferenz des Arbeitskreises für evangelikale Theologie (AfeT) und der Konferenz Bibeltreuer Ausbildungsstätten (KBA). Das Treffen mit rund 110 Teilnehmern fand vom 17. bis 19. November im thüringischen Bad Blankenburg statt. Nach Ansicht Schirrmachers vollzieht sich derzeit eine „Evangelikalisierung der katholischen Kirche“. Dort seien zwar Traditionalismus und liberale Theologie weiterhin stark, jedoch nähmen die missionarischen Bemühungen Roms zu.

Hoffen und beten wir, dass es - den theologischen Unterschieden zum Trotz - auf diesem Weg des Respekts und der Anerkennung in Zukunft weiter gehen wird. Wir liegen schließlich schon jetzt weitestgehend in den selben Schützengräben. 

16.01.2013

KINDERHANDEL

Anlässlich des gut gemachten, nur schwer zu ertragenden ARD-Spielfilms »Operation Zucker«, der sich mit den Themen Menschenhandel und Kinderprostitution befasst, hier die Website einer internationalen christlichen Hilfsorganisation, die Aufklärungsarbeit leistet und sich um betroffene Kinder und Jugendliche kümmert: Love146

"Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt." (2 Pet 3,13)

PRO LIFE OBAMA


15.01.2013

SANTAYANA + KASSANDRA


ENTSTEHUNG UND VORSEHUNG



















Was glaubst du, wenn du sprichst:
»Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer Himmels und der Erde«?


Ich glaube,
dass der ewige Vater
unseres Herrn Jesus Christus
um seines Sohnes willen
mein Gott und mein Vater ist.
Er hat Himmel und Erde
mit allem, was darin ist,
aus nichts erschaffen
und erhält und regiert sie noch immer 

durch seinen ewigen Rat und seine Vorsehung.

(Heidelberger Katechismus, Frage 26)

14.01.2013

PRINZIPIEN UND TOLERANZ

















»Die Kirche ist intolerant in den Prinzipien, weil sie glaubt; aber sie ist tolerant in der Praxis, weil sie liebt. Die Feinde der Kirche sind tolerant in den Prinzipien, weil sie nicht glauben; aber sie sind intolerant in der Praxis, weil sie nicht lieben.« (Réginald Garrigou-Lagrange OP)

DIE WÜRDE DER FRAU

Kommt es eigentlich niemandem komisch vor, dass ausgerechnet eine Gesellschaft, die Frauen auf Werbetafeln, in Pornografie und Prostitution permanent zu bloßen Sexobjekten degradiert, sie im Fernsehen zur besten Sendezeit barbusig Känguru-Hoden vertilgen lässt oder voyeuristisch-schadenfroh mit der Kamera draufhält, wenn schamlose alte Säcke in Thailand auf Frauenkauf gehen usw. - dass ausgerechnet so eine Gesellschaft meint, der Kirche, die ein so wunderbares Dokument über die Würde der Frau hervorgebracht hat wie "Mulieris dignitatem" und die sich voller Stolz als Mutter, Braut und Lehrerin begreift und die obendrein noch eine Frau als Königin der Engel und Apostel verehrt, Vorhaltungen in Sachen Frauenrechte und -würde machen zu müssen? Offenbar nicht.    


John Singer Sargent - "The Black Brook"


13.01.2013

IN CHRISTUS - ABER WIE?

Der Apostel Paulus lässt uns im Römerbrief wissen, dass es „keine Verdammnis für die [gibt], die in Christus Jesus sind.“ (Röm 8,1 LUT) Und auch Papst Benedikt XVI. lehrt in seiner 13. Katechese über den hl. Paulus: „Gerecht sein will einfach heißen, mit und in Christus sein. Und das ist ausreichend. Die Beachtung anderer Regeln ist nicht mehr notwendig.“ Wichtiger noch als Apostel und Papst ist natürlich Jesus selbst, der laut Johannesevangelium von sich sagt: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen. Wer nicht in mir bleibt, wird wie die Rebe weggeworfen und er verdorrt.“ (Joh 15,5.6a)

Angesichts dieser Zeugnisse dürfte klar sein, dass die Frage nach dem In-Christus-Sein eine der wichtigsten und zentralsten Fragen ist, die sich ein Christ, ja ein Mensch diesseits der Ewigkeit stellen kann. Bin ich in Christus? Was heißt das eigentlich, in Christus sein? Und wie macht man das?

Das Neue Testament kennt folgende Wege zur Einheit mit Christus: 

1. Glaube: Jesus selbst ruft die Menschen schon zu Beginn seines Wirkens zur Umkehr und zum  Glauben auf (vgl. Mk 1,5) – und seine Apostel tun es ihm gleich: „Glaube an Jesus, den Herrn und du wirst gerettet werden, du und dein Haus.“ (Apg 16,31) Und die Galater lässt der selbe Apostel wissen: Ihr seid alle durch den Glauben Söhne Gottes in Christus Jesus.“ (Gal 3,26) 

2. Zugehörigkeit zur Kirche: Christus „ist das Haupt des Leibes, der Leib aber ist die Kirche.“ (Kol 1,18) Wer zur Kirche gehört ist somit Glied am und im mystischen Leib Christi, denn „wir sind durch einen Geist alle zu einem Leib getauft“ (1 Kor 12,13). Und „wenn einer die Kirche verlässt, wie ist der in Christus, der nicht unter den Gliedern Christi ist? Wie ist der in Christus, der nicht am Leibe Christi ist?“ (Augustinus)

3. Sakramente: Die Sakramente konstituieren und stärken einerseits unsere Gliedschaft am Leibe Christi: Durch die Taufe werden wir von der Sünde befreit und als Söhne Gottes wiedergeboren; wir werden Glieder Christi, in die Kirche eingefügt und an ihrer Sendung beteiligt.“ (KKK 1213) Gleiches gilt von der Eucharistie: „Ein Brot ist es. Darum sind wir viele ein Leib; denn wir alle haben teil an dem einen Brot.“ (1 Kor 10,17) Andererseits verbinden uns die Sakramente aber auch direkt mit Christus: Mit der Taufe werden wir hinein getauft in den Tod und die Auferstehung Christi (vgl. Röm 6,3 f.) und auch die Eucharistie erhält uns in Christus: „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich in ihm.“ (Joh 6,56)

4. Nachfolge und Liebe: Jesus selbst sagt: „Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein.“ (Lk 14,27) Und Johannes erinnert uns in seinem ersten Brief:Niemand hat Gott je geschaut; wenn wir einander lieben, bleibt Gott in uns und seine Liebe ist in uns vollendet. Daran erkennen wir, dass wir in ihm bleiben und er in uns bleibt: Er hat uns von seinem Geist gegeben.“

Was nun in der Folge auffällt, ist die unterschiedliche Bedeutung, die diesen Punkte in den verschiedenen Konfessionen zukommt: Während der evangelische Christ im rechtfertigenden Fiduzialglauben das vorrangige Instrument seines In-Christus-Seins sieht, ist „die katholische Alternative zu dem evangelischen sola fide … das esse et vivere in et cum Ecclesia Christi [das Sein und Leben in und mit der Kirche Christi (T.C.)].“ (Werner Löser SJ)

Es geht dabei natürlich nicht darum, dass sich von dem jeweils Anderen im je Eigenen nichts findet. Natürlich hat auch der Evangelische Gemeinde; und natürlich glaubt auch der Katholik. Es geht vielmehr um Stellenwerte, um (empfundene) Über- und Unterbetonungen. Fragt sich denn nicht der evangelische Christ, warum ihm seine katholischen Geschwister so viel und so emphatisch von der Kirche reden? Fragt er sich nicht zuweilen mit Barth, wo denn im Katholischen die Distanz zwischen Christus und seiner Kirche bleibe? Und der Katholik, verwundert er sich nicht darüber, was die Evangelischen alles dem persönliche Glauben zuschreiben? Muss ihm die Rede von (Universal-)Kirche und Sakramenten im evangelischen Bereich nicht letztlich doch merkwürdig sekundär und unterrepräsentiert vorkommen?

In dieser unterschiedlichen Akzentuierung liegt der eigentliche Unterschied, der in der Folge dann auch die jeweilige konfessionelle Frömmigkeit und Atmosphäre prägt. Das muss bei allen ökumenischen Unternehmungen und Vorstößen mit bedacht werden. Vor allem aber darf nicht vergessen werden, dass es beiden Seiten, der evangelischen wie der katholischen, letztlich nur um eines geht: in Christus zu sein.