31.03.2013

WIE ER GESAGT HAT

Der weihnachtliche Immanuel ist der österliche Jesus, der Gott-mit-uns der Heiligen Nacht ist der Gott-rettet des Triduums, das Holz der Krippe, es ist das Holz des Kreuzes. Und es führt kein Weg vorbei an diesem Holz, denn wir Menschen sind die Rettungs-, die Erlösungsbedürftigen. Als Gefallene bedürfen wir der Wiederaufrichtung; als Sünder bedürfen wir der Vergebung; als Getrennte bedürfen wir der  Versöhnung; als Verstrickte bedürfen wir der Befreiung; als unter dem Verhängnis des Todes Stehende bedürfen wir der Auferstehung. Nichts davon können wir uns selber geben. Es mag im Märchen gelingen, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen, im wahren Leben geht es nicht. Und doch ist es genau das, was so viele, so schrecklich viele,  kirchenferne und kirchennahe, denken, wenn sie das Christentum für eine reine Gebotsreligion und den Christus für ein bloßes moralisches Vorbild halten. 


Dass Jesus selbst sich nicht nur so gesehen hat, ist evident, denn „der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele“ (Mt 20,28).  Der, dem es vorherbestimmt ist, einmal der leidende Gottesknecht zu sein, weiß um seine Sendung; sie besteht darin, „dass er durch seinen bis ins Allerletzte gehenden Liebesgehorsam die von Gott entfremdete Welt mit Gott versöhne, was nur dadurch möglich ist, dass er diese ganze Entfremdung auf sich nimmt und sie – als Gottesfinsternis – hindurchträgt bis zu deren Ende, ja über deren Ende hinaus, weil sein Liebesgehorsam an den Vater ja tiefer und endgültiger ist, als jede Rebellion der Sünde sein kann“ (Hans Urs von Balthasar). Gerade dieser Kern der Sendung, das Aufsichnehmen und Hindurchtragen unserer Entfremdung und Sünde, geht schließlich in dem heilsgeschichtlichen Doppelereignis von Kreuz und Auferstehung auf und konstituiert so das Retter- und Erlösersein Jesu für uns. 

Es ist somit klar, dass dem Begriff der Stellvertretung innerhalb der christlichen Theologie und Verkündigung besondere Bedeutung beizumessen ist. Hier liegt sie begründet, die Gewissheit der Kirche und ihrer Glieder: Weil der Christus das Gesetz Gottes im vollkommenen Liebesgehorsam zum Vater erfüllt hat, ist es auch uns erfüllt. Weil der Christus am Kreuz als der mit unserer Gottesferne, Übertretung und Sünde Überkleidete den stellvertretenden Tod gestorben ist, sind auch wir versühnet. Weil der Christus, der gestorben ist, als Erstling auferstanden ist in Herrlichkeit, dürfen auch wir uns unserer leiblichen Auferstehung am Ende der Zeit gewiss sein. Mehr noch: Wir dürfen gewiss sein, dass der, der durch seine Auferstehung alles neu macht, auch den gesamten Kosmos in Herrlichkeit vollenden wird. „Denn wir wissen, dass die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt“ (Röm 8,22); und so „erwarten wir, seiner Verheißung gemäß, einen neuen Himmel und eine neue Erde, in denen die Gerechtigkeit wohnt“ (2 Pet 3,13), wohlwissend, dass in der Auferstehung Jesu und in der Ausgießung des Heiligen Geistes auf die Kirche dieses Werk der Erneuerung bereits unwiderruflich und unaufhaltsam begonnen hat.

All das steht jedoch unter dem Vorbehalt der Wirklichkeit, der Historizität des Ostergeschehens. Schon der hl. Paulus weiß: „Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer und euer Glaube sinnlos“ (1 Kor 15,14). Jedwede Rede vom leeren Grab, so fromm, ergreifend, lebensverändernd sie sein mag, greift zu kurz, wenn sie nicht zum eigentlichen Punkt kommt: der leiblichen Auferstehung! Jede existenziale Bezugnahme auf den Osterglauben der Jünger bleibt leer und willkürlich, wenn am Anfang nicht das reale Ostereignis in Raum und Zeit steht, das bis heute als das Ostergeglaubte seine Kreise zieht. Kurzum: Von Jesus als dem Retter, dem Erlöser, dem gegenwärtigen Herrn zu sprechen, macht nur unter einer Bedingung wirklich Sinn: Resurrexit, sicut dixit. 

Allen Lesern ein frohes und gesegnetes Osterfest!     

SEVEN STANZAS AT EASTER

Make no mistake: if He rose at all
it was as His body;
if the cells’ dissolution did not reverse, the molecules
reknit, the amino acids rekindle,
the Church will fall.


It was not as the flowers,
each soft Spring recurrent;
it was not as His Spirit in the mouths and fuddled
eyes of the eleven apostles;
it was as His flesh: ours.

The same hinged thumbs and toes,
the same valved heart
that–pierced–died, withered, paused, and then
regathered out of enduring Might
new strength to enclose.

Let us not mock God with metaphor,
analogy, sidestepping, transcendence;
making of the event a parable, a sign painted in the
faded credulity of earlier ages:
let us walk through the door.

The stone is rolled back, not papier-mâché,
not a stone in a story,
but the vast rock of materiality that in the slow
grinding of time will eclipse for each of us
the wide light of day.

And if we will have an angel at the tomb,
make it a real angel,
weighty with Max Planck’s quanta, vivid with hair,
opaque in the dawn light, robed in real linen
spun on a definite loom.

Let us not seek to make it less monstrous,
for our own convenience, our own sense of beauty,
lest, awakened in one unthinkable hour, we are
embarrassed by the miracle,
and crushed by remonstrance.


(John Updike, 1960)

30.03.2013

ZUR HISTORIZITÄT DER AUFERSTEHUNG


KREUZESNUANCEN

Da ich regelmäßig Gottesdienste beider Konfessionen aufsuche, fallen mir die kleinen und großen theologischen und liturgischen Unterschiede immer wieder besonders auf. Das ist auch an den Kar- und Ostertagen nicht anders. Ein Beispiel: Sowohl in katholischen als auch in evangelischen Karfreitags-Gottesdiensten werden die prophetischen Worte vom leidenden Gottesknecht aus Jesaja 53 verlesen. Während es jedoch in der katholischen Einheitsübersetzung in Vers 10 heißt:

Doch der Herr fand Gefallen an seinem zerschlagenen Knecht, er rettete den, der sein Leben als Sühnopfer hingab. Er wird Nachkommen sehen und lange leben. Der Plan des Herrn wird durch ihn gelingen.“

heißt es bei Luther 1984: 

So wollte ihn der HERR zerschlagen mit Krankheit. Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat, wird er Nachkommen haben und in die Länge leben, und des HERRN Plan wird durch seine Hand gelingen.“

und die für ihre begriffliche Exaktheit bekannte  Elberfelder-Übersetzung lässt uns gar wissen:  

Doch dem HERRN gefiel es, ihn zu zerschlagen. Er hat ihn leiden lassen.“

Es mag kleinkariert anmuten, auf diesen Unterschied hinzuweisen, doch hinter den Übersetzungsvarianten stehen unterschiedliche Verständnisse bzw. Betonungen des Sühneopfers Christi. Während die katholische Theologie betont, dass Jesus unser Leid auf sich nimmt und sich in selbstaufopfernder Liebe Gott dem Vater als wohlgefälliges Opfer darbringt, geht die klassische evangelische Theologie einen Schritt weiter: Jesus nimmt nicht nur unser Leid und unsere Schuld auf sich indem er selbst zur Sünde und zum Fluch wird, er (er)trägt auch, stellvertretend für uns, den gerechten Zorn Gottes des Vaters über die Sünde und Schuld des Menschen, sodass Gott an ihm stellvertretend die Strafe vollzieht, die wir verdient hätten: „Doch dem HERRN gefiel es, ihn zu zerschlagen.“ So verstanden ist das Kreuz nicht nur Liebeserweis sowie Vergebungs- und Kraftquelle, sonder bereits in die Zeit vorgerücktes eschatologisches Endgericht. Jeder, der an den Christus und sein Opfer glaubt, wird nicht gerichtet bzw. verurteilt werden (vgl. Joh 3,18), weil das Gericht bereits vollzogen wurde - im Jahre 33 unserer Zeitrechnung, auf einem Hügel vor den Toren Jerusalems.    

29.03.2013

DAS KREUZ, PUNKT DER ENTSCHEIDUNG

"Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist's eine Gotteskraft." (1 Kor 1,18)



»Uns heute ist das befremdliche, dass es Verlorene gibt. Wir geben damit nur zu erkennen, wie fern wir dem biblischen Denken sind. Nicht dies ist das Verwunderliche. Verwunderlicher ist doch gerade, dass es Gerettete gibt! Und das Verwunderlichste dies „uns aber“, dass wir zu denen gehören sollen, die selig werden. 

Wo ist die Stelle, an der diese endgültige Entscheidung fällt? Es muss ein letzter Maßstab sein. Soviel wir auch suchen, wir finden ihn nicht von uns aus. Nichts erscheint uns so ernst, als dass daran letzte Entscheidungen hängen könnten. Wie sich einer zu seinem Volk, zur Wahrheit, zur Religion stellt, kann hieran wirklich ewige Verlorenheit oder Errettung erkannt werden? In der Menschheit finden wir die Stelle nicht, die die letzte Entscheidung misst. Aber Gott hat solche Stelle gewiesen. Am Kreuz Christi soll es sich entscheiden, ob wir zu den Erretteten oder Verlorenen gehören. Das ist höchst verwunderlich, zu vernehmen, dass an diesem Kreuz die Menschheit in Erwählte und Verdammte zerfällt. 

Es sind die Verlorenen, denen das Kreuz ein Narrenglaube, ein Widersinn ist. Es ist eine Torheit für den gesunden, natürlichen Menschen. Wer wollte schließlich nicht auch sagen, dass er das Starke mehr liebt als das Schwache? Aber es sind Verlorene, denen Christi Schwachheit eine Torheit ist. Es ist eine Torheit für das ethische Bewusstsein. Es ist uns nicht recht, dass ein Guter sich so schlagen lässt; so stirbt kein guter Held. Aber es sind Verlorene, die das nicht gelten lassen. Es ist eine Torheit für unseren Gottesglauben, der in diesem Weg nicht Gottes Ehre finden kann. Hier ist es am ernstesten. Gott in solcher Verborgenheit und Schwachheit? Gottes Gegenwart in diesem menschlichen Elend? Aber es sind Verlorene, denen dies eine Torheit bleibt. 

Es sind die, die selig werden, denen dieses Kreuz die Kraft Gottes ist. Der „Torheit“ gegenüber steht die „Kraft“ und nicht die Erkenntnis oder Weisheit. Kraft Gottes besteht gerade in seiner Niedrigkeit und Schwachheit. Gottes Kraft ist seine Kraft zum Kreuz. Das ist aber auch Kraft für uns, wenn wir unter das Kreuz treten und unter ihm leben. Es erweist seine Kraft im Kampf gegen die Welt. In Niedrigkeit und Gottverlassenheit erkennt der Glaube die Kraft der Nähe Gottes; in Heiligung und Leiden die Kraft seiner Vergebung. Sind wir die, die von dieser Kraft her leben?«   

(Dietrich Bonhoeffer, 1935)

KARFREITAG - GOOD FRIDAY

































»Christus hat uns vom Fluch des Gesetzes freigekauft, indem er für uns zum Fluch geworden ist; denn es steht in der Schrift: Verflucht ist jeder, der am Pfahl hängt.« (Gal 3,13)

20.03.2013

JÜDISCHER PAPST MIT EX-FRAU?

Die Leute von der amerikanischen Jimmy Kimmel Show waren unterwegs, um zu erfragen, was der gemeine Mann von der Straße so vom neuen Papst hält. Der Haken an der Sache: Zum Zeitpunkt der Befragung war Franziskus noch gar nicht gewählt! Das hindert die Menschen im folgenden Video allerdings nicht daran, ihre Meinung zum neuen Pontifex öffentlich kundzutun. Man will sich halt nicht die Blöße geben ... 


19.03.2013

VON WEHMUT UND DEMUT

Ein erstes Geständnis vorweg: Die derzeitige Fastenpause war nicht geplant, sie ist eher spontaner Natur. Der Rücktritt Benedikts, das darauf folgende mediale Trommelfeuer sowie die enervierende Vor-Konklave-Konklave-Berichterstattung haben mich zeitweise verstummen lassen. Die Fastenzeit kam da gerade recht. Auch ohne mich und meinen Senf gab es im Netz genug zu lesen. Die einen brachten stakkato-artig ihre Reformforderung vor, die anderen bezeugten vor der virtuellen Welt, dass ein Katholik sich um das Schicksal der Kirche keine Sorgen zu machen braucht und dementsprechend optimistisch und freudig in die Zukunft blicken kann. Und nun? Papst Franziskus. 

Ein zweites Geständnis gleich hintan: Ich bin kein Freund des Barocken. Ich mag schlichte Kirchenbauten, die Raum zur Meditation lassen und in denen das Wort wirken kann. Im Zweifelsfall ziehe ich eine nüchterne, ernsthaft gefeierte jesuitische Liturgie einem lateinischen Hochamt mit weihrauchgeschwängerte Luft glatt vor. Ob der Priester am Altar Mantelalbe oder Baßgeige trägt, tangiert mich nur peripher, solange nur die Predigt stimmt und die Eucharistie, dem Anlass entsprechend, würdig gefeiert wird. Dass Kardinal Bergoglio sich in der argentinischen Heimat von evangelikalen Predigern hat segnen lassen, stört mich auch nicht weiter, denn ich mag Evangelikale und würde mir sogar wünschen, dass etwas mehr von ihrem Glaubensmut und ihrem missionarischen Drang auf katholische Kreise abfärbt. Alles in Butter also? Irgendwie nicht so ganz. 

Zum einen wäre da dieser Hype um die neue Bescheidenheit und Demut, der (auch) mir aufstößt. „Endlich“, so heißt es dieser Tage vielerorts, „endlich ein bescheidener, demütiger Papst, der nah bei den Menschen ist!“ Kirchenferne und kirchennahe Medien sind des Lobes voll. Im Umkehrschluss heißt das wohl so viel wie: Aufatmen, das Saeculum obscurum ist endlich vorüber, Benedikt XVI. alias Joseph Alois Borgia hat abgedankt. Dass mit ebendiesem Pontifex einer der bescheidensten, demütigsten und freundlichsten Menschen dieses Planeten aus dem Amt geschieden ist, davon scheinen nur wenige Berichterstatter Kenntnis zu nehmen, denn dummerweise hat Benedikt (neben der Sache mit den Piusbrüdern, den Juden, den Muslimen und den Homosexuellen) den Fehler gemacht, rotes Schuhwerk zu tragen. Diesen Fauxpas konnte auch der verschlissene schwarze Pullover nicht mehr wiedergutmachen – zumal er ja bei Amtsantritt unter einer sündhaft teuren Mozzetta hervor lugte, die nunmehr, wie die Tiara, der Vergangenheit anzugehören hat.

Der Neue fährt Bus, meidet demonstrativ den Luxus und bezahlt seine Rechnungen, auch als Papst, aus eigener Tasche. Er ist dabei ohne Frage glaubwürdig, hat er es doch schon vor seiner Wahl zum Diener der Diener Christi so gehalten. Der Kardinal der Armen will auch ein Papst der Armen sein, das zeigt schon die Namenswahl. Und dagegen ist auch rein gar nichts einzuwenden, denn die Armen dieser Welt brauchen und verdienen einen mächtigen Fürsprecher, der ihr Elend und ihre Hoffnungen aus erster Hand kennt. Das ist aber nur die eine, die südliche Seite der Medaille. Die Armut der nördlichen Hemisphäre hingegen ist nicht-materieller Art: Unglaube, Unkenntnis der Schrift und der christlichen Tradition, sexuelle Verwahrlosung sowie eine bigotte grüne Political Correctness greifen um sich. Gewiss, Franziskus wird auch unser Papst sein und auch für uns das ein oder andere Wort übrig haben. Seine Predigt in der Sixtinischen Kapelle war ein Hoffnung machender Anfang: „Wer nicht zu Gott betet, betet zum Teufel“, verkündete er in für europäische Ohren ungewöhnlicher Schärfe. Auch dieser Heilige Vater wird sich dem Diktat des Zeitgeistes und der Diktatur des Relativismus wohl nicht beugen. So weit, so gut. Was aber, wenn die kleinen Diktatoren des Zeitgeistes, die hierzulande umgehen, sich seiner bemächtigen? Was, wenn sie, in kühler Berechnung oder weltanschaulichem Unvermögen, den Demütigen auf seine Demut, den Sozialen auf das Soziale reduzieren? 

Ich musste dieser Tage viel an eine Predigt denken, die Papst Benedikt anlässlich seines Bayern-Besuchs 2006 gehalten hat. Damals sagte er: 


„Offenbar herrscht doch bei manchen die Meinung, die sozialen Projekte müsse man mit höchster Dringlichkeit voranbringen; die Dinge mit Gott oder gar mit dem katholischen Glauben, die seien doch eher partikulär und nicht gar so vordringlich. Und doch ist es gerade die Erfahrung dieser [afrikanischen] Bischöfe, dass die Evangelisierung vorausgehen muss, dass der Gott Jesu Christi bekannt, geglaubt, geliebt werden, die Herzen umkehren muss, damit auch die sozialen Dinge vorangehen; damit Versöhnung werde; damit zum Beispiel Aids wirklich von den tiefen Ursachen her bekämpft und die Kranken mit der nötigen Zuwendung und Liebe gepflegt werden können. Das Soziale und das Evangelium sind einfach nicht zu trennen.“ 

Meine Angst ist nun wohlgemerkt nicht die, dass es diese Trennung von Sozialem und Evangelischem mit Papst Franziskus auf den Stuhl Petri geschafft hätte. Dazu ist der franziskanische Jesuit zu volksfromm. Sorge bereitet mir vielmehr die Außenwirkung, die Rezeption seiner ostentativen Bescheidenheit und Volksnähe. Diejenigen, die ihn jetzt dafür loben, sind allzu oft diejenigen, die in Benedikt nichts als das Feindbild Panzerkardinal zu erblicken vermochten. Diejenigen, die seinen unorthodoxen Umgang mit Riten, Traditionen und Zeichen begrüßen, sind allzu oft diejenigen, die den Sinn dieser Riten, Traditionen und Zeichen nie wirklich begriffen haben, nie begreifen wollten. Oder anders: Ist es Grund zur Freude oder Anlass zur Besorgnis, wenn ausgewiesene Kirchenfeinde nun öffentlich verlauten lassen, sie seien begeistert vom neuen Papst und seiner unkomplizierten Art? Vermutlich beides. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. 

Ich für meinen Teil muss sagen, dass mir die unausgesprochene Demut des Gelehrten, der sich von der Tradition und der Würde des Amtes tragen ließ, lieber war als die öffentliche Bescheidenheit des ersten südamerikanischen Papstes. Anders als zehntausende meiner Geschwister lebe ich aber auch nicht in den Slums von Bogota, Manila oder Johannesburg.